Friedrich Schillers «Die Jungfrau von Orleans» ist ein Brocken, eine Herausforderung für Schauspieler und Zuschauer gleichermaßen. Eine Herausforderung, die Regisseur Mario Eick und sein Ensemble am Theater an der Rott freudigst angenommen und bestens gemeistert haben. Sie beschenkten sich und das Publikum am Premierenabend mit einem eindringlichen, faszinierenden, dichten, nie langweiligen dreistündigen Theaterabend, der Lust auf diese Kunstform machte und sicher über den flüchtigen Moment hinaus nachwirken wird.
Eicks Inszenierung räumt mit Schillers Klassiker auf. Mario Eick inszenierte das Historiendrama frech und modern, aber nicht respektlos. Er entstaubte es, wischte das Pathos beiseite und zeigte in der sprachlich werktreuen Inszenierung die von Schiller geschaffenen Menschen und deren Tragik. Das Ergebnis ist eine unverkrampfte Inszenierung ohne Schnickschnack. Eine Inszenierung, die auf die Vorlage und die Schauspieler vertraut, die Lust auf Theater und Sprache schafft.
Verletzlich auf der leeren Bühne
Am Anfang und am Ende steht die leere, schwarze Bühne. Sie ist – bar jeder Kulissen – in ihrer gesamten Breite und Tiefe zu sehen. In der Weite des Raumes sind die Figuren klein und verletzlich – trotz aller historischen Größe. Dazwischen spielt sich das Drama ab, markieren rund 1.000 Kostüme, die an den Zügen hängen (Bühnenbild Werner Klaus und Simone Sommer), in den unterschiedlichsten, farblich stimmigen Kombinationen zusammen mit der differenzierten Lichtführung (Erich Oswald) und Musik (Erich Maier) die Handlungsorte: ländliche Gegenden, Wälder, Schlösser, Kathedralen oder Schlachtfelder.
Davor und dazwischen agieren Liza Sarah Riemann, Florian Federl, Christine Reitmeier, Sebastian Goller, Boris Schumm, Erich Maier und Christopher Luber. Sieben Schauspieler, die fast pausenlos auf der Bühne stehen, insgesamt 26 Figuren darstellen und vor den Augen der Zuseher durch das An- und Ablegen von Versatzstücken (Kostüme Simone Sommer) in ihre Rollen schlüpfen. Sie verwandeln das drei-stündige Schillersche Epos in ein faszinierendes Drama, das den Zuseher gefangen nimmt.
Schiller trifft auf Brecht
Mit der «Jungfrau von Orleans» hat Friedrich Schiller der historisch verbürgten Jean d’Arc ein literarisches Denkmal gesetzt. Ein 17-jähriges Hirten-Mädchen fühlt sich von Gott berufen und wird zur Befreierin Frankreichs. Die religiöse Berufung der Jungfrau, ihr Glaube entfacht ein Feuer, das das Frankreich aus der englischen Besetzung befreit und zur Grundlage der Grand Nation wird.
Mario Eick nahm Schillers Drama und konfrontierte es mit den Gedanken und Mitteln von Bertolt Brechts epischem Theater. Eick verabschiedetet sich von der Vorstellung, die Schauspieler sollten ihre Rollen verkörpern. Bei Eick gibt es keine Illusion. Die Schauspieler stehen auf der Bühne, müssen bis zu fünf Rollen einnehmen und vollziehen teilweise vor den Augen der Zuseher den Rollenwechsel. Hier wird offen gezeigt, was ohnehin alle wissen: Es ist ein Spiel.
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Und es funktioniert. Versatzstücke und Kommentare reichen, um neue Personen und Orte anzudeuten. Regieanweisungen werden gesprochen. Die Zuschauer werden immer wieder aus der Illusion gerissen. Und doch verfolgen sie gespannt und konzentriert das Geschehen, lauschen den Worten und der literarischen Sprache, verfolgen die Taten auf der Bühne. Das Ergebnis ist eine distanzierte Vertrautheit. Eine ungewohnten Distanz und Brechung aus der ein neuer Blick auf das vertraute Drama entsteht.
Ein Ensemble, das sein Können zeigt
Denn Johanna (grandios verkörpert von Liza Sarah Riemann) ist in Eggenfelden keine einfach von Gott Berufene, keine Unbeirrbare. Sie ist eine junge Frau, die eine Berufung verspürt, die sich das unmenschliche Gelübde der Keuschheit auferlegt und durch die Liebe an ihrer Mission, an sich selber verzweifelt. Diese Johanna ist keine Allwissende, in ihrer Mission Unerschütterliche. Sie ist eine junge, suchende Frau, die im Glauben und in ihrer Berufung scheinbar einen Halt hat, aber doch in der Welt und in sich selber verloren ist. Nur der Kampf gegen die Engländer, das Rasen und das Wüten verschafft ihr eine brüchige Sicherheit. Sobald sie mit ihrer eigenen Menschlichkeit in Form der Liebe konfrontiert ist, ist sie haltlos, unsicher, verloren – am Ende ist der Tod für sie die Erlösung.
Ihr zu Seite stehen die restlichen Personen des Tableaus, die sich teils aus Glauben, teils aus kalter Berechnung der Johanna anschließen und sie benutzen. Für sie gibt es nur die Kunst- und Symbolfigur. Der Mensch ist ihnen nicht zugänglich, ist für sie auch nicht von Interesse. Und diejenigen, die sich Johanna mit menschlichen Gefühlen, mit Liebe nähern, auch sie scheitern an ihr, weil Johanna diese Nähe nicht zulassen kann.
Am Premierenabend präsentierte sich das gesamte Ensemble des Theaters an der Rott durch die Bank in bester Schauspiel-Laune. Sie genossen diese gewaltige Herausforderung und nahmen sie mit Bravour an. Sie nutzten das Drama als Steinbruch, um reihenweise hervorragende Arbeit abzuliefern. Allen voran Liza Sarah Riemann in der Gewaltrolle der Johanna, die sie mit Bravour meisterte. Gefolgt von dem jungen Florian Federl, der sich wandlungsfähig und in den verschiedensten Charakteren (König Karl, Montgomery oder liebender Raimond) differenziert und überzeugend präsentierte. Ihnen zur Seite standen in ihren unterschiedlichsten Rollen die bewährten Ensemble-Mitglieder Christine Reitmeier, Sebastian Goller, Boris Schumm, Erich Maier und Christopher Luber. Auch sie nutzten ihre äußerst unterschiedlichen Parts, um dem Drama und den Rollen menschliche Tiefe zu verleihen. Insgesamt ist die «Jungfrau von Orleans» eine geschlossene Ensemble-Leistung, in der alle vor, auf und hinter der Bühne ihre Fähigkeiten bestens einbrachten und zeigten, was möglich ist, wenn dieses Ensemble im Theater an der Rott gefordert wird.
Wirkung über den Abend hinaus
«Die Jungfrau von Orleans» ist sicher keine leichte, aber eine lohnende Kost. Drei Stunden, die nie lang werden, die den Besucher einnehmen und zeigen wie Menschen mit sich und ihren Mitmenschen ringen. Ein Ringen, an dessen Ende es im Stück keine Sieger gibt. Dafür aber ein Ensemble, das spielen, das sich vor und hinter der Bühne an einem echten Brocken abarbeiten konnte. Und Zuschauer, die ein herausforderndes Theatererlebnis geboten bekommen, dessen Wirkung über den Abend hinaus reichen wird.

Die Rezension erschien auch bei titel-magazin.de.
- Raimund Meisenberger in der Passauer Neuen Presse: Schillers Jungfrau lässt Theater an der Rott aufblühen
Holger Becker im Wochenblatt (Rottal-Inn): Grandiose „Jungfrau” am Theater an der Rott














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